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Kommentar
Oft sind seelische Verletzungen durch Schule nachhaltig und zerstören nahe wie ferne Zukunft

(zeta) – Nachdem ein Achtzehnjähriger am Zeugnisausgabetag 24. Mai neunzehn Kinder und zwei Lehrkräfte in einer US-Grundschule erschossen hat, resümierte ein Fernsehsender in seinem Internet-Portal: Mit solchen Ereignissen erlebe und lerne die Mitschülerschaft der Getöteten, dass Schule "kein Ort des fröhlichen Miteinanders und unbeschwerten Kindseins" ist, sondern ein Ort der Angst und Gefahr.

Das stimmt. Aber eine Frage. Bedeutete Schule im Jahr 2022 bisher für insgesamt 77 Anwenderinnen und Anwender von Gewalt an US-Schulen und in gleicher Weise bei Schulmassakern weltweit einen "Ort des fröhlichen Miteinanders und unbeschwerten Kindseins"?

Viele Kinder und Jugendliche sehnen sich in Corona-Zeiten nach der Schule, weil sie dort ihresgleichen begegnen und Gelegenheit haben zu kommunizieren. Doch sehnen sie sich in gleicher Weise nach der Schule, weil sie dort so gerne den üblichen Schulstoff aufnehmen müssen?

Lernen in der Schule bedeutet für Kinder und Jugendliche: aufgesetztes Depotwissen in sich hinein fressen. Schülerinnen und Schüler wissen meist nicht, wofür sie das alles lernen. Jenseits ihrer Erfahrungshorizonte schlagen sie sich widerwillig und befremdet mit nicht kindgerechter und nicht jugendgerechter Materie herum.

Fern jeder Begeisterung nehmen die jungen Menschen die schwer verdaulichen Fremdkörper gar nicht richtig auf. Schule heißt für sie am Ende: viel gelernt und viel vergessen.

Und dann noch die Noten, stark vereinfachende Nummern. Personen, die nie richtig im Leben gestanden haben, geben den Minderjährigen verletzende Noten und suggerieren auf einem Drittel der Notenskala wie schlecht die jungen Menschen sind. Psychische Guillotine.

Schule: Lernen ohne eigene Lebensbezüge, ohne Verantwortungspraxis und ohne die Erfordernis von Empathie für Mensch und Sache spielt sich an Orten organisierter Flüchtigkeit ab: in Stillsitzhaltung zur Vorbereitung aufs Aussitzen künftiger Lebensprobleme.

Am übelsten sind die Grundschulen, wo kleinen Kindern zum frühestmöglichen Zeitpunkt nicht kindgerechtes Ingenieurswissen eingehämmert wird. Oft sind die seelischen Verletzungen dadurch nachhaltig und zerstören nahe und ferne Zukunft. 28/5/2022 Link zur Seite 1

Kommentar
Plädoyer für Wechselunterricht

Aspekte der Corona-Krise: Dürfen Kultusminister und andere Beschuler in Kauf nehmen, dass Gesundheit und Leben von Schulkindern unnötig gefährdet werden?

Nein. Dazu gibt es juristische Grundsätze.

Im deutschen Grundgesetz ist der Begriff "Gesundheit" nicht direkt verwendet. Dem Sinne nach kommt er freilich vor: "Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit", heißt es in Artikel 2 der Verfassung.

Das Menschenrecht Gesundheit ist im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte der Vereinten Nationen in Artikel 12 konkret gefasst: "Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf das für ihn erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit an. Die von den Vertragsstaaten zu unternehmenden Schritte zur vollen Verwirklichung dieses Rechts umfassen die erforderlichen Maßnahmen a) zur ... gesunden Entwicklung des Kindes; b) zur Verbesserung aller Aspekte der Umwelt- und der Arbeitshygiene; c) zur Vorbeugung, Behandlung und Bekämpfung epidemischer, endemischer, Berufs- und sonstiger Krankheiten ... ".

In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen heißt es in Artikel 6, dass die Vertragsstaaten anerkennen, dass jedes Kind ein angeborenes Recht auf Leben hat und dass die Vertragsstaaten in größtmöglichem Umfang das Überleben und die Entwicklung des Kindes zu gewährleisten haben.

Was dazu nicht passt: der hessische Kultusminister Lorz (CDU), ein Jurist, hat zum neuen Schuljahr Präsenzunterricht für alle angeordnet. Dass die Schülerinnen und Schüler in den Klassenzimmern ohne 1,5-Meter-Mindestabstand zusammengepfercht pauken, wurde Norm, normal.

Auf die Weise wird Corona nicht geleugnet, aber bis zu einem bestimmten Grad ignoriert und in Kauf genommen. Minister Lorz bekam von dem Wiesbadener SPD-Oppositionspolitiker Christoph Degen vorgehalten, er habe mit der Wiederaufnahme des Schulbetriebs nach den Sommerferien unter angeblichen Normalbedingungen Roulette gespielt.

Es gibt ein System, den Schülern im Unterricht Abstand voneinander zu ermöglichen, indem man die Klassen hälftig wochenweise abwechselnd zur Schule schickt: Wechselunterricht.

Der wurde in Hessen eine Zeitlang praktiziert. Schülerinnen und Schüler hatten alle zwei Wochen Präsenzunterricht und damit auch soziale Kontakte. Immer auf Lücke bot der Stundenplan den Stoff fünf Tage lang im Fernunterricht. Der Wechselunterricht wurde aber nicht fortgesetzt, weil er nicht dem Elternwunsch entspreche, verlautete aus dem Ministerium.

Eltern wollen ihre Kinder also los sein, und zwar durchgängig. Wie das zu erklären ist? Wer sein Kind liebt, erzieht es. Erziehung kostet jedoch Zeit, zweitens Nerven. Drittens ist sie mit logistischem und viertens mit persönlichem Aufwand verbunden. Und fünftens erhöht sich das Familieneinkommen so, dass man ein schnittiges Auto und ferne Urlaube ohne Auto finanzieren kann, wenn Väter und Mütter acht Stunden am Tag arbeiten gehen. Wer hätte das gedacht und alles bedacht, damals, na damals, als das Kind entstand. zeta 29/8/2020, geändert 11/6/22